Landwirtschaft

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Der Krieg beschleunigt disruptive Veränderungen im Ernährungssystem

Russland hat es nicht geschafft, eine moderne Volkswirtschaft aufzubauen und stützt sich noch immer auf den Export von Rohstoffen; darunter vor allem Öl, Erdgas, Getreide und Edelmetalle. Aber nicht nur die russische Volkswirtschaft ist abhängig, auch westliche Industrienationen, insbesondere Deutschland, sind mit ihrer wesentlich, differenzierten Wertschöpfung zu großen Teilen angewiesen auf die kontinuierliche Lieferung dieser Bodenschätze und Rohwaren. Russland gehört zu den größten Lieferanten, kontrolliert in weiten Teilen den Markt und hat Macht.

Die typischen Symptome für eine derartige Volkswirtschaft sind eine undemokratische, zentralistische Regierung, militärischer Überhang und die Abschöpfung der Gewinne in die Taschen weniger Individuen. 

Da sich die Welt jedoch langsam, aber sehr deutlich in Richtung neuer Technologien wie Photovoltaik, Elektromobilität, Kreislaufwirtschaft, offenen Informationen und Lebensmittel aus Zellkulturen orientiert, schwindet die Zukunftsperspektive der alten Produktionsverfahren und Stoffströme. Die typischen Reaktionen der derzeitigen Player in diesem Markt sind das Festhalten an vergangenen Strukturen durch Ignorieren, Verneinen und aggressives Bekämpfen. All das wurde vom Psychologen Franz Fanon als “kognitive Dissonanz” bezeichnet. 

Es nicht wahr haben wollend, dass die alte Wirtschaftsform keine Zukunft hat, greift Putin die Ukraine, das rohstoffreiche Nachbarland in einem Eroberungskrieg an, als würde das die alten Zeiten wiederbringen und der russischen Volkswirtschaft irgendwas nützen. Die Auswirkungen auf die Menschen sind schrecklich und der Schaden in der Weltwirtschaft schon in den ersten Tagen des Konflikts deutlich spürbar. Als unmittelbaren Folgen sind auch Hungersnöte, Aufstände und weitere Konflikte in anderen Teilen der Welt wahrscheinlich.

Sicher ist jedoch auch, dass das kriegerische Festhalten an der altertümlichen Wirtschaftsstruktur dessen Niedergang nur beschleunigt. Das betrifft auch die bisherige Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft. Die Abhängigkeit von Erdgas, das als Stickstoffdünger den Anbau von hohen Getreideerträgen ermöglicht, die wiederum als Futtermittel eingesetzt werden, um ziemlich ineffizient in Produkte umgewandelt zu werden, die wiederum aufwändig verarbeitet werden müssen, um nur einen unausgewogenen Beitrag zur Ernährung zu leisten, ist aus verfahrenstechnischer Sicht eine verlustreiche Kette mit geringem Wirkungsgrad. Die Umwandlungsverluste heißen Bodenverluste, Biodiversitätsverluste, Futterverwertung, Tierverluste, Transporte, Lagerung, mäßige Ausschlachtungsgrade, Verpackung, Kühlung, Wasserverbrauch, Erhitzung und 30% Schwund im privaten Haushalt wegen abgelaufener Haltbarkeitsdaten oder “Nicht-den-Teller-Aufessen” und stellen die gesamte Idee stark in Frage. Mit Wertschöpfung hat das unter modernen Maßstäben wenig zu tun und es würde in keiner anderen Branche nur einen einzigen Tag lang funktionieren.

Die Alternativen sind daher auf dem Vormarsch. Milch, echte Milch, nicht die Hafer- oder Sojadrinks, kann direkt aus Fermentation hergestellt werden, ohne dass dafür eine Kuh gehalten werden muss. Diese Verfahren der “Präzisionsfermentation” ermöglichen der Molkerei, die Milch direkt vor Ort selbst herzustellen. Keine Weide, kein Mischfutter, kein Mineralfutter, keine Medikamente, kein Stall, kein Dünger und kein Transport werden benötigt. Es muss keine Kuh über zwei Jahre großgezogen werden, um sie dann nur zwei oder drei Jahre zu nutzen, sie zu töten, die Milch dann gegen Pathogene zu sterilisieren und nach Fett- und Einweiß zu standardisieren. Alle diese Schritte fallen weg und wir können direkt das Endprodukt herstellen, das wir wünschen, ob fettarm, fettreich, laktosefrei, keimfrei, proteinreich, mit Kasein oder B12, je nachdem was der Markt benötigt. Ähnliche Technologien sind auch im Bereich Fleisch, Ei, Fisch, Öl und sogar Stärke und Kakao heute nicht nur marktreif, sondern schon im Markt zu haben.

“Follow the money!”

Natürlich werden auch für die Präzisionsfermentation und zelluläre Produktion Rohstoffe benötigt, die vom Feld stammen, jedoch nur zu einem Bruchteil der bisherigen Volumen. Diese Technologie waren kürzlich noch futuristische Projekte im Labormaßstab. Wenn wir jedoch beobachten, wohin sich Investoren heute orientieren, sehen wir, dass die finanziellen Fundamente für die Markteinführung und Expansion vorhanden sind. Aus der Tierproduktion dagegen, zieht sich die Finanzwelt zurück. Es werden kaum neue Zusatzstoffe oder Medikamente zugelassen, Kapazitäten werden runtergefahren, nach Firmenzusammenschlüssen ersetzt Abstoßung die erwartete Expansion. Namhafte Player im globale Agribusiness lenken schon lange um und auch der Einzelhandel verkleinert die Fleischtheke. Der Krieg beschleunigt diese Entwicklungen nur. Ist das Krisenmanagement der Branche für diese disruptiven Veränderung aufgestellt?

Hinzu kommt die Verhaltensänderung der Verbraucher:innen. Normalerweise eher als zäher Prozess verstanden, bewegt der Konflikt nun doch die Menschen, ihre Ernährungsgewohnheiten zu überdenken. Bisher spielt sich das kaum spürbar im unteren Prozentbereich ab. Wenn die Alternativen jedoch erst einmal billiger sind und auch sensorisch punkten, ist der Deichbruch nicht aufzuhalten. Während die Einkommensstärkeren sich heute nur schwer vorstellen können, auf ihr Ribeye oder den Camembert zu verzichten, ist daher wahrscheinlich, dass gerade in den einkommensschwachen Regionen, die von heutigen Strukturen vollkommen abhängig sind, diese neuen Lebensmittel ihr größtes Wachstum erleben. Die Ärmeren sind meist offener für Erneuerung und können sich keine kognitive Dissonanz leisten.

Ein beutender Anteil der Getreide und Ölfrüchte aus der Schwarzmeerregion gehen in den Nahen Osten und nach Nord-Afrika und in nicht unerheblichen Mengen werden zur Geflügelfütterung eingesetzt. Es wird Unruhen geben, aber auch vollkommen neue Versorgungssysteme sind zu erwarten. Alle Bemühungen diese Entwicklungen aufzuhalten, werden sie nur beschleunigen.